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Forschungsstandort Deutschland: Praxisbericht im internationalen Vergleich


Dies ist nicht der übliche Jammerbericht, den sie aus den Medien schon gewöhnt sind. Ich werde nichts beschönigen, aber ich werde mich ein wenig auch daran orientieren, was Peter Watson in seinem neuen Buch als „Der deutsche Genius“ beschrieben hat.
Wenn ich über den Forschungsstandort Deutschland berichte, so werde ich vieles aus meiner Sicht tun, und dies beschränkt sich notwendigerweise auf die Medizin und die Biowissenschaften. D.h. aber nicht, dass ich andere Bereiche nicht beleuchte.
Wo ich Statistiken verwende, so sollen Sie wissen, dass diese nie für sich allein stehen können, sondern dass zu den quantitativen Effekten auch qualitative kommen müssen. Manche von ihnen kommen Anekdoten gleich, aber ich habe sie so ausgewählt dass sie für oder gegen etwas stehen.

Vergleich mit wem?
Bei jedem Vergleich stellt sich zunächst die Frage, gegen wen wir uns vergleichen sollen. Es ist leicht, sich gegen schwächere zu vergleichen, aber hier habe ich mich bemüht den Vergleich auszudehnen auf Mächte, die in der Zukunft eine erheblich größere Rolle spielen als sie es heute tun. Gleichzeitig weicht der Auffassung, dass auch Größenordnungsmäßig vergleichbare Mächte, mit denen wir uns in vergangenen Jahrhunderten gemessen haben in einem solchen Vergleich berücksichtigt werden sollten. Daher finden sich neben den USA auch Frankreich und England und bei den aufstrebenden Mächten habe ich neben Indien und China nach wie vor Japan berücksichtigt. Die üblicherweise genannten Emerging Markets zu denen außer Indien und China noch Brasilien und Russland gehören, stellen meines Erachtens auch in den nächsten Jahrzehnten keine Quellen der Innovation und Forschung dar.

KennzahlenNobelpreiseEin Kennzeichen für einen guten Forschungsstandort waren schon immer nach Ansicht vieler Beobachter die Nobelpreise. Deutschland war und ist dort vor allem durch Medizin und Naturwissenschaften vertreten: 68 von 80 Nobelpreisen gehören zu dieser Kategorie. Es ist interessant zu sehen, dass vor 1933 fast in jedem Jahr einer oder mehrere Nobelpreise nach Deutschland gingen, nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Deutschland nur noch etwa alle drei Jahre mit einem Nobelpreis bedacht, aber auch dort zeigte sich wieder dass diese fast ausschließlich in Medizin, Physik oder Chemie angesiedelt waren.
Nun weisen Nobelpreise in der Regel in die Vergangenheit, da sie oft erst 10 bis 20 oder mehr Jahre nach der entscheidenden Entdeckung verliehen werden.



Patente pro Million Einwohner
Ein weiterer Parameter, der nicht nur die Grundlagenforschung, sondern auch die angewandte Forschung und Entwicklung berücksichtigt sind die angemeldeten und erteilten Patente bezogen auf 1 Million Einwohner in demselben Land. Deutschland ist der nach wie vor zusammen mit der Schweiz und Finnland das führende Land in Europa; erst danach folgen Frankreich, Norwegen, Schweden, England, Belgien und die Niederlande. Italien gehört wie Tschechien sozusagen zur dritten Kategorie. Interessant ist, dass sowohl die Zahl der beantragten wie der erteilten Patente mit dem Anteil der Ausgaben für Forschung und Entwicklung am Bruttosozialprodukt gut korreliert. Dies spricht dafür, dass man Forschung und Entwicklung fördern kann und dass sie nicht zufällig aus dem Nichts entstehen. Während die europäische Union sich vor über fünf Jahren vorgenommen hat, dass der Anteil an Forschung und Entwicklung mindestens 3 % erreichen soll so liegt er heute fast bei keinem Land in diesem Bereich, und selbst Deutschland liegt bei etwa 2,8 %. Dies kann man allerdings auch Vergleiche mit dem Anteil in den USA, in Indien oder China: dort liegt er noch niedriger.

Veröffentlichungen pro Million Einwohner
Nimmt man aus der Wissenschaft nur nicht die Patente, sondern die Veröffentlichung pro Million Einwohner als ein Parameter, der erkennen lässt wie stark die Wissenschaft vertreten ist, so gibt es gute Zahlen für Veröffentlichungen aus den Biowissenschaften. Dabei sieht man das Deutschland einen guten mittleren Platz hat, aber um fast die Hälfte in der Dänemark, Finnland, Schweden und selbst England zurück. Richtig schlecht sind in den 15 größeren Staaten der EU nur noch Portugal, Griechenland, Luxemburg und Spanien. Ist es ein Zufall, dass dies recht gut korreliert mit der finanziellen Stabilität dieser Länder? Bezieht man im Übrigen die Anzahl der Veröffentlichung auf die Ausgaben für Forschung und Entwicklung bleibt Deutschland relativ zu anderen Ländern ebenfalls zurück. Dann führt merkwürdigerweise Griechenland vor Spanien, England und Italien. Schaut man sich die Zitierungen dieser Veröffentlichung an so ergibt sich wiederum ein ähnliches Bild: die Ausgaben für Forschung und Entwicklung, so gut sie mit den Patenten korreliert, so schlecht scheinen sie mit der Bekanntheit und Häufigkeit der Zitierung dieser Veröffentlichung in Beziehung zu stehen. Nimmt man die gesamte europäische Union zusammen, so liegt deren Forschungsproduktivität, gemessen an den Veröffentlichungen pro Million Einwohner bei weniger als zwei Drittel derer der USA.

Science Citation Index pro Veröffentlichung
Ein ähnliches Bild ergibt sich, wenn man verfolgt wie häufig Deutsche im Vergleich zu anderen Artikeln in den Biowissenschaften zitiert werden. Hier bewegt sich Deutschland bestenfalls im Mittelfeld. Eine Erklärung dafür könnte sein das Deutsche nach wie vor zu häufig in rein deutschen Zeitschriften publizieren so dass eine zweite Publikation in angesehenen internationalen Zeitschriften nicht mehr möglich ist. Man darf nicht vergessen dass für viele Deutsche und nicht nur die aus den neuen Bundesländern Englisch als eine Sprachbarriere für Veröffentlichungen nach wie vor existiert. Dabei ist es nicht nur die Sprache selbst, sondern auch die Art des argumentiert. Klassische deutsche medizinische Artikel sind oft von einer schwerfälligen und sehr umfangreichen Sprache, die die Klarheit eines guten englischen Artikels vermissen lässt. Dem könnte abgeholfen werden, aber es gibt kein einfaches Rezept dafür. In diesem Zusammenhang darf auch nicht vergessen werden, dass fast alle international gebräuchlichen medizinischen und naturwissenschaftlichen Fachbücher in Englisch abgefasst sind und dass nur sehr selten ein deutsches Fachbuch ins Englische übersetzt wird und eine hohe Verbreitung erlangt. Nun könnte man annehmen, dass die deutsche Sprache nach wie vor eine angesehene ist – und das ist richtig. Die demographische Entwicklung lässt jedoch die Vertreter dieser Sprache immer weniger werden, und die miserable Finanzierung der Goethe-Institute verhindert, dass mehr Menschen die Schönheit der deutschen Sprache entdecken können.

Investition (öffentlich) in Forschung als % BIPWährend der Anteil der Ausgaben für Forschungsentwicklung in Deutschland am Bruttosozialprodukt in den letzten zehn Jahren leicht gestiegen ist (von etwa 2,3 auf 2,8 %) ist man immer noch weit entfernt von den Zahlen, die für eine Bildungsrepublik Deutschland Werbung machen könnte. Dabei ist zu berücksichtigen, dass der überwiegende Teil an Forschung und Entwicklung von der Industrie geleistet wird: nur etwa ein Drittel sind öffentliche Investitionen. Wir können und sicher damit trösten, dass fast alle anderen europäischen Länder mit der Ausnahme von Schweden noch schlechter dran sind. Wir müssen damit rechnen, dass Indien und China und vielleicht sogar Russland bei finanziellen Vorteilen diesen Bereich aggressiv ausbauen werden.

Anteil ausländischer Studenten
Die deutsche Forschungslandschaft krank auch daran, dass sie immer weniger attraktiv für ausländische Studenten vor allem in höheren Semestern, die dann auch ihre Doktorarbeit und Habilitation machen werden, wird. Die Sprache ist nur ein Aspekt dabei. Die Möglichkeiten in Deutschland zu arbeiten, werden durch gesetzliche Einschränkungen nicht gerade verlockend dargestellt. Anstatt Talent aus allen Ländern anzuziehen, werden diesem Talent Steine in den Weg gelegt zum Teil mit der Begründung, man müsse sich erst darum kümmern, Deutschen – die möglicherweise weniger begabt sind – solche Möglichkeiten anzubieten.

Anteil Studenten in MINT-Fächern
Die Forschungslandschaft in Deutschland, und nicht nur die Entwicklung von Produkten, krankt daran, dass der Anteil der Studenten in den so genannten MINT-Fächern( Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) sich seit Jahren absolut und relativ vermindert. Betrachtet man stellvertretend die Ingenieure, so stellt man fest, dass auf 1000 beschäftigte Ingenieure in Tschechien 214, in Polen 202, in Frankreich immerhin noch 73 und in Deutschland ganze 35 neu ausgebildet werden. In der Chemie, in der Physik, in der Informatik sieht es nicht besser aus. Dafür haben wir eine Vielzahl von Juristen und Betriebswirtschaftlern mit Fähigkeiten, die am Markt weniger gebraucht werden und für Innovation und Fortschritt doch eher entbehrlich sind.

Zusätzliche Parameter und CharakteristikaBildungsvoraussetzungen und gesellschaftliche MobilitätNicht erst die Pisa Studie hat gezeigt, dass Grundfähigkeiten im Lesen, Schreiben und Rechnen in Deutschland insgesamt nicht Spitze sind – wir haben eine große Variabilität zwischen den Bundesländern –, sondern das gesellschaftliche Mobilität und die Bildungsgerechtigkeit auch nach vielen Jahren bei weitem nicht erreicht sind. Wer ein Abitur und ein Studium absolviert hat, dessen Kinder haben zum Teil eine 3-4 fach höherer Wahrscheinlichkeit ebenfalls ein Abitur zu erreichen als die Kinder eines Facharbeiters. Es ist eine Schande, dass dieses Potenzial nicht gehoben wird und für Innovationen aus Deutschland arbeiten kann.

Elitebildung
Ein wenig besser sieht es bei der Möglichkeit aus, Leistungseliten zu bilden. Hier hat insbesondere Bayern große Fortschritte gemacht, aber diese Entwicklungen sind nach wie vor ein Tropfen auf den heißen Stein. Nach wie vor können Universitäten Studenten nicht selbst auswählen, nach wie vor wird die Förderung begabter Studenten nicht in einem Ausmaß betrieben, wie es in den USA üblich ist. Elitebildung in der biomedizinischen Forschung kann nichts entstehen, wenn man den begabten Ärzten und Naturwissenschaftlern Verträge über ein oder zwei Jahre gibt und dann hofft, dass sie bei zum Teil schlechten Umgebungsbedingungen nach wie vor in Forschung und Lehre aktiv bleiben. Das Risiko besteht, dass sie rasch in andere Gebiete abwandern und sei es in die Forschung der Industrie, in der eine höhere soziale Sicherheit und eine höhere Wertschätzung vorhanden sein könnten. Die mangelnde Elitebildung zeigt sich auch daran, dass in der Öffentlichkeit nur wenige Forscher überhaupt bekannt sind. Eine Umfrage fand heraus, dass die meisten Deutschen keinen der deutschen Nobelpreisträger für Medizin oder Naturwissenschaften auch nur benennen könnten. Sind unsere Eliten scheue Rehe, die das Fernsehen fürchten? Oder glaubt das öffentlich-rechtliche Fernsehen, es sei wichtiger einen Musikantenstadl zu senden als die Menschen des Landes mithilfe unserer exzellenten Wissenschaftler für Forschung und Innovation zu interessieren?

Mentalität gegenüber Gewinnern, gegenüber VersagernForschung ist eine Aufgabe, bei der ein Forscher häufiger Misserfolge als Erfolge hat. Manche erreichen ihre Erfolge erst nach Jahrzehnten von Misserfolgen und ihre Wege. Neben der persönlichen Frustrationstoleranz gehört dazu dann aber auch eine gesellschaftliche Einstellung zu Erfolg und Misserfolg, die dem einst den immer wieder eine Chance gibt, wenn er sich denn redlich bemüht. Unsere spezielle Eigenschaft der Schadenfreude steht uns da entgegen, denn sie verhindert, dass wir uns den Misserfolg anderer auf faire Weise stellen. Unsere Neigung zu Neid und Missgunst führte zum, dass wir, von Fußballern und Filnstars abgesehen, den Erfolg anderer beneiden.. Es gibt aber auch Lichtblicke, und die gibt es seit 1966 mit steigender Tendenz. Ich meine den Wettbewerb „Jugend forscht“. In Arbeitswelt, Biologie, Chemie, Mathematik, Physik und Technik sind die Teilnehmerzahlen fast alle im Laufe der letzten Jahre wenigstens gleich geblieben. Eine Ermüdung findet unter diesen jungen Eliten offensichtlich nicht statt: werden sie weiter gefördert so muss es uns um die Zukunft der Forschung und Innovation nicht ängstlich sein. Dennoch fällt auch etwas Wasser in diesen schönen Wein hinein: in Mathematik und Informatik scheinen die Zahlen leicht rückläufig zu sein, und in der Biologie ist fast ein Stillstand erreicht.

Im Folgenden möchte ich anhand einiger Beispiele das Schicksal unkonventioneller Ideen und die Entwicklung der deutschen Pharmaindustrie darstellen.

MP3-Spieler (D)- den MP3-Spieler kennt jeder, der Musik und dennoch wissen die wenigsten, dass das Grundprinzip und dessen Entwicklung das Ergebnis der Forschung an einem deutschen Fraunhofer-Institut gewesen ist. Mindestens erhält das Fraunhofer-Institut dadurch Lizenzgebühren in Höhe von etwa 100 Millionen €. Keine Firma in Deutschland wollte aus diesem Prinzip ein Produkt entwickeln, obgleich eine Reihe solcher Firmen zumindest damals Plattenspieler und sogar die ersten CD-, Spieler herstellte. Sicher ist Deutschland nicht in der üblen Situation von England, wo einer exzellenten Forschung eine miserable Entwicklung und Transmission in die Industrie gegenüber steht. Aber allzu weit sind wir davon nicht entfernt. Noch ist es schwer aus der Universität heraus ein eigenes Unternehmen zu gründen, ohne die Nabelschnur zur Universität oder Klinik durchschneiden zu müssen.

Stent (D) - Ich vermute dass einige unserer Zuhörer heute in ihren Herzkranzgefäßen kleine Röhrchen aus Metall haben, die diese Gefäße offen halten und einen Herzinfarkt vermeiden. Ein Deutscher, der in der Schweiz arbeitete, hat das Prinzip und die ersten Anwendungen dieser Stents entwickelt. Die deutsche Industrie, die in der Materialwissenschaft hervorragend ist und alle Grundmaterialien für solche Anwendungen beherrscht, war nicht in der Lag,e aus dieser Erfindung ein Produkt zu machen. Hat der Erfinder nur zu wenig mit anderen gesprochen? Oder haben andere zu wenig von dem gelesen, was die Forschung produziert und lieber an dem gehangen, was sie immer machten? Die Patentsituation in Deutschland spricht eigentlich dagegen. Aber haben wir genügend Patente, um als rohstoffarmes Land mit Forschung und Entwicklung Exporte zu generieren, die unseren Wohlstand halten und vermehren? Die Tatsache ist: wir können gar nicht genügend geistiges Eigentum produzieren und in Produkte umsetzen, um dies zu tun und mit aufstrebenden Staaten mithalten zu können.

Herceptin (USA) - Es war ein deutscher, der während eines längeren Aufenthaltes in den USA einen Rezeptor auf den Zellen des Brustkrebses entdeckte, die mit der Aggressivität dieses Tumors in direkter Beziehung standen. Seine Entdeckungen führten dazu, dass neue Medikamente entwickelt worden. Hätte er diese Entdeckung auch in Deutschland machen können? Nach seinen eigenen Aussagen hätte er dies zu der Zeit, nämlich vor 30 Jahren nicht geschafft ,heute aber – und das ist die gute Nachricht – arbeitet er wieder an einem Max Planck Institut in Deutschland und könnte sich keine bessere Umgebung für seine Forschung vorstellen. Er ist mehrfacher Firmengründer – und müsste eigentlich gar nicht arbeiten.

Die deutsche Pharma-Industrie - Bis in die Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts hinein belegten mehrere deutsche Firmen Plätze unter den ersten zehn der Weltrangliste pharmazeutischer Unternehmen. Dazu gehörten Bayer, Boehringer Mannheim, Schering, Merck, Boehringer Ingelheim, und Hoechst. Bis auf Bayer, das Schering übernommen hat, und Boehringer Ingelheim zählen keine dieser Firmen mehr zu den nennenswerten forschenden Firmen in Deutschland. Darüber hinaus ist unter den zehn führenden Pharma-Unternehmen weltweit kein deutsches mehr, jedoch immerhin zwei Schweizer Unternehmen. Bei diesen Beispielen kann man nicht die universitäre Forschung zum Sündenbock machen, sondern die schlechte Umsetzung von Forschungsergebnissen in Produkte seitens eines wichtigen Industriezweigs.
Nun könnte man meinen, mit den deutschen Biotech-Firmen sei nun alles besser geworden. Das Gegenteil ist der Fall: bis auf ganz wenige Firmen haben die meisten nach über zehn Jahren ihres Bestehens noch kein Produkt zur Marktreife oder Zulassung gebracht. Milliarden sind auch aus öffentlichen und privaten Geldern in diese Forschung und Entwicklung investiert worden, und die Ergebnisse sind bestenfalls mager. Wie aus solchen Anfängen ein Wiederaufstieg der Pharma-Industrie in Deutschland werden soll, ist mir ein Rätsel.

Institutionelle Voraussetzungen der Innovation
Ein großer Forschungszweig der Soziologie befasst sich mit der Frage, welche institutionellen Voraussetzungen für Forschung und Innovation gegeben sein müssen. Bevor wir uns mit ihren Ergebnissen beschäftigen, soll ein Blick auf die Forschungslandschaft erlaubt sein. Deutschland besitzt sechs und 30 Universitäten und etwa gleich viele Universitätskliniken. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat ein hohes Investitionsvolumen und fördert vorwiegend die Grundlagenforschung. Die Fraunhofer Institute, die ebenfalls aus Bundesmitteln unterstützt werden sollen forschen, entwickeln und den Transmissionsriemen zwischen Forschung und Industrie bilden. Dazu gibt es doch die Max Planck Institute, deren Leiter auf Lebenszeit bestimmt sind und die daher nicht von kurzfristigen Geldbewilligungszyklen abhängig sind, sowie die Leibniz-Gesellschaft, der viele Forschungsinstitute angeschlossen sind. Es handelt sich daher um eine vielgestaltige und somit auch den Herausforderungen adäquat aufgestellte Forschungslandschaft, deren Ergebnisse, insbesondere in den Naturwissenschaften sich international mittlerweile wieder sehen lassen können. Die Strukturen, die in Deutschland existieren, müssen sich nicht hinter denen in Frankreich, wo eine starke Zentralisierung immer noch eher behindert als fördert, oder England, das bis auf wenige sehr gute Institute eher Mittelmaß liefert, verstecken. Nehmen wir doch die USA als Beispiel so versteht man, warum deutsche Forscher mit einiger Sehnsucht auf die Eliteuniversitäten an der amerikanischen Ost-und Westküste blicken: sind doch die monetären Voraussetzungen hervorragend, und dies gebündelt mit einer Mentalität, die auch dem jungen Forscher viel zutraut und die Evidenz immer vor Eminenz gesehen hat. Dieser letzte Punkt ist besonders wichtig: es setzt dabei als Post-doc in Harvard gearbeitet und es als befreiend gesehen, wie leicht man mit den Experten ins Gespräch und in die Diskussion kommen konnte, auch wenn man ganz am Anfang seiner Laufbahn stand.
Gehen wir nun einmal zu den Ergebnissen die die Soziologie bezüglich der Möglichkeiten von Innovation herausgefunden hat. Raymund Werle hat dieses Jahr einen Bericht über die Analyse technischer Innovationen vorgelegt, welcher zeigt, dass die Wechselwirkung zwischen technischen und institutionellen Neuerung offensichtlich parallel gehen müssen um zu hervorragenden Ergebnissen zu führen. Er hatte sein Beispiel großer technischer Produktion gezeigt, jedoch könnte man auch kleinere Beispiele nehmen, insbesondere solche bei denen eine Zusammenarbeit zwischen institutioneller Forschung und mittelständische Industrie zu innovativen Produkten geführt hat. Die Initiative der bayerischen Staatsregierung – Bayern innovativ – er ist für solche Zwecke mit einem langen finanziellen Atem ausgestattet worden.

Ansichten der Bevölkerung zur Forschung und bei Rückschlägen - Forscher sind Angehörige der Bevölkerung des Landes, in dem sie forschen. Die grundsätzliche Mentalität zu Forschung und zurückschlägt lässt sie nicht unberührt. Daher ist es sinnvoll, einmal die Mentalitäten zu untersuchen die auf die Forscher einwirken.D vs. USAzunächst drei bietet es sich an Deutschland in die USA zu vergleichen. Ich habe oben schon dargelegt, dass die USA bei einer offensichtlichen Frömmigkeit eine außerordentlich vitales und experimentierfreudiges Lanze. Die Auffassung, dass weil es immer wieder schafft und das auf den einzelnen Verlass sei kann man fast schon als die Ideologie des Landes darstellen. Es ist deine hilfreiche Ideologie. Sie ist nicht ganz unähnlich der deutschen, wenn auch diese in den vergangenen Jahrzehnten, mit Ausnahme bei der Fußballnationalmannschaft etwas gelitten hat: dass man nämlich bei allen Rückschlägen sich durch Intelligenz, Zähigkeit und gemeinsamer Anstrengung durchbeißen und etwas erreichen kann. Dennoch gibt es einen Unterschied: Deutschland neigt zum Jammern. Wenn die Forschungslandschaft nicht gut aussieht, so beauftragt ein deutscher Verband eine Beratungsfirma, die dann möglichst in Englisch eine Veröffentlichung macht, in der alle Nachteile des deutschen Standortes ausführlich dargestellt sind. Wer möchte unter diesen Umständen Sohn oder Tochter zum studieren nach Deutschland schicken? Kein Amerikaner würde sein Land in dieser Weise darstellen. Warum nur?D vs. Chinaein ganz schwieriger Vergleich ist, wenn man Deutschland und China nimmt. Beide Länder sind sich in der Kultur außerordentlich fremd. Es gab keine Zeit, in der sich etwa die Kulturforschung in Deutschland besonders intensiv in China beschäftigt hätte. Wir hatten Experten für Japan, für den Islam, für Afrika für die USA aber kaum einen verschiedener nun war dieses Land sicherlich lange abgeschlossen. Wir wissen also wenig über dieses Land. Eines aber scheint dort zu sein: die Forschung geht – man mag dies aus ethischen Gründen beklagen – völlig vorurteilsfrei an Aufgabenstellungen heran. Autoritäten haben im Zuge des Missbrauchs durch die Maoisten ihre Bedeutung eingebüßt – anders als in Japan wo Professoren noch sehr geachtet und gefürchtet werden. China holt bei der Anzahl der Patente kräftig auf und wird bald Japan überholt haben; es scheint kein Land zu geben was schneller dazu lernt als das Reich der Mitte.

Forschung als Teil einer Wertschöpfungskette - ich habe in mehreren Punkten bereits angedeutet, dass Forschung ein Teil einer Wertschöpfungskette ist. Natürlich meine ich nicht die philosophische und theologische Forschung, sondern die Forschung, die zunächst scheinbar interesselos die Grundlagen der Naturwissenschaften erforscht, die später rein zufällig zu neuen Produkten führen. Ich möchte die biomedizinische Forschung eher in den Vordergrund stellen oder erörtert wie die Voraussetzungen dazu in Deutschland derzeit sind.

Medizinprodukte - Medizinprodukte sind Produkte, die zum Beispiel als Diagnostika, Laborgeräte, EKG, oder wie die oben bereits beschriebenen Stents in den Körper eingesetzt werden. Viele Medizinprodukte umfassen eine ganze Menge von Patenten in einem Gerät das vielleicht nicht größer als ein Fingerhut ist aber manist auf das Zusammenwirken vieler Disziplinen angewiesen. Deutschland ist bei den Medizinprodukten zwar nicht auf den ersten Plätzen, kann aber sehr gut mithalten, da die technischen Voraussetzungen und die Fähigkeit, Systeme zu integrieren, gut ausgebildet sind. Schwierig könnte es werden mit der Integration völlig neuer Technologien, etwa der Nanotechnik und der Bioinformatik.

Arzneimittel - Die Entwicklung von Arzneimitteln benötigt große Mengen an Kapital und die Integration sehr verschiedener hochspezialisierter Fähigkeiten. All dies ist im Prinzip in Deutschland vorhanden. Es gibt sogar Exzellenzwettbewerbe, aus denen eine Gruppe aus München hervorgegangen ist, die aus dem Zusammenwirken zwischen biotechnologischen Unternehmen, der bayerischen Staatsregierung und der Industrie neue innovative Arzneimittel entwickeln möchte. Bedauerlich ist nur, dass diesem Konzept kein einheitliches und zielführendes Zusammenwirken zugrundeliegt, sondern dass die Akteure, beflügelt durch die Subventionen der Bundesregierung in erster Linie ihre eigenen Projekte vorantreiben. Es fehlt auch etwas, was Amerikaner im Überfluss besitzen: die Begeisterung, etwas Neues zu versuchen und von den alten wegen der Entwicklung und den alten Geschäftsmodellen abzuweichen, dass es sich in einer sich rasch entwickelnden Welt nicht als überlebensfähig darstellen.

Medizinische Methoden und Durchbrüche - Den ersten Nobelpreis für Medizin für Deutschland holte sich Werner Forssmann 1956. Er hatte sich völlig untypisch verhalten, als er gegen die Anweisung seines Chefs sich einen Herzkatheter schob und dessen Lage unter dem Röntgen Geräts kontrollierte. Er zeigte damit erstmals dass diese bildgebenden Verfahren möglich sind und dass man ohne große Probleme Katheter in das Herz schieben kann. In der Folge hat ihn sein Chef auch hinausgeworfen. Selbst nach 1968 gibt es immer noch zu wenige, die dergleichen wagen. Interessant ist aber, dass dieser medizinische Durchbruch nicht etwa gefolgt wurde durch die Massenproduktion von Herzkathetern durch deutsche Unternehmen. Auch heute noch sind die führenden Unternehmen in diesem Bereich amerikanische. Die Wertschöpfungskette wurde noch nicht einmal über die Klinik hinaus weitergeführt. Auch heute sind zwar Innovatoren in der Klinik nicht vom Hinauswurf bedroht. Aber man bietet Ihnen auch nicht die Möglichkeit unkompliziert Ihr eigenes Unternehmen zu gründen und dennoch einen Fuß in Klinik und Universität zu behalten – von Ausnahmen abgesehen, etwa in einigen bayerischen Universitäten.

Gentechnologie - Die Gentechnologie in Deutschland hat, etwa den Universitäten in München und Köln, hervorragende Forschungseinrichtungen und Forscher. An Max Planck Instituten wird exzellente Forschung betrieben. Nur um diese Institute herum siedeln sich allzu wenig kleine Firmen an, die aus dem, was die Forschung findet, Entwicklungen und letzten Endes Produkte macht. Nicht dass es schwierig wäre, in Deutschland eine Firma zu gründen. Es gibt Länder, in denen es sehr viel komplizierter ist. Aber die Gentechnologie und Biotechnologie hat einen teilweise durch die Politik schlecht gemachten Ruf, und Geldgeber verhalten sich nach den Erfahrungen von vor etwa zehn Jahren ziemlich knauserig. Es fehlt also auch der Gentechnologie an der Fortsetzung der Wertschöpfungskette in die Industrie und die Produktion hinaus. Es kann allerdings nicht Aufgabe des Staates sein, solche Industrien zu subventionieren.TrendsFür DeutschlandFür Deutschland spricht, dass die Forschungslandschaft selbst und die Menge an Geld im Vergleich zum Bruttosozialprodukt, die in Forschung und Entwicklung angelegt wird, recht hoch sind. Deutsche Forscher sind weltweit hoch angesehen. Auch die Fähigkeit Produkte zu entwickeln ist noch gut, aber zunehmend fehlen die Disziplinen, die man dazu braucht: angewandte Chemiker, Maschinenbauer, Informatiker, Verfahrenstechniker. Auch für Deutschland spricht, dass es ein Rechtsstaat ist und dass zumindest derzeit die Regierung keine grundsätzlich skeptische Haltung gegenüber Forschung und Entwicklung einnimmt. Man darf auch nicht vergessen, dass Deutschland eine Geschichte naturwissenschaftlicher und technischer Forschung hat, die ihresgleichen in der Welt sucht – nur wird diese Geschichte zu selten beschrieben und zitiert, und ein Mythos ist schon gar nicht daraus erwachsen.

Gegen Deutschland - Leider aber brauen sich dunkle Wolken zusammen, die der Forschungslandschaft in Deutschland gefährlich werden könnten. Der demographische Abstieg, der zu immer weniger Hochschulabsolventen führen wird und ein mangelndes Interesse an Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, wenn man von kleinen Eliten, wie man sie bei „Jugend forscht“ beobachtet, einmal absieht.
Quer durch alle Parteien bilden sich Gruppen, welche glauben, mit einer skeptischen Haltung gegenüber Forschung und Technik den Zeitgeist auf der Spur und den Wählern nahe zu sein. Man stelle sich vor, die alte SPD der sechziger Jahre hätte eine ähnlich technoskeptische Haltung gehabt wie einige prominente Politiker der CSU heute: was würde aus München mit ihnen gescholten worden sein! Gegen Deutschland spricht auch, dass weite Kreise glauben, sich auf den Lorbeeren ausruhen zu können und andere Kulturen, etwa Indien und China, herablassend betrachten zu dürfen. Ein führender Manager aus den USA, Andy Grove, hat vor Jahren ein Buch geschrieben: nur die Paranoiden siegen. Wir müssen uns für Deutschland und seine Forschung mehr von dieser Paranoia, verbunden mit Zukunftsfreude und ausreichenden Ressourcen wünschen!