Ende eines Entwicklungsprogramms
Vor wenigen Tagen meldeten die Tageszeitungen wie die Fachpresse, daß Torcetrapib, der Hoffnungsträger der Firma Pfizer, in seiner Entwicklung beendet würde. Torcetrapib sollte nicht nur das „schlechte“ HDL-Cholesterin senken, sondern auch das „gute“ HDL-Cholesterin erhöhen. Daß die Substanz das Sterberisiko erhöhen könnte, war aufgrund des Mechanismus und der vorliegenden Forschungsdaten nicht zu erwarten gewesen.
Und doch zeigt sich: die Firma Pfizer hat rasch und ethisch verantwortungsvoll gehandelt und die Karten auf den Tisch gelegt. Sie konnte das tun, weil sie ein unabhängiges Sicherheitskomitee eingesetzt hatte, das sich alle Daten zeitnah und im Original ansehen konnte. Hätte sie sich auf die gesetzlichen Meldepflichten verlassen, hätte dieser Versuch übel ausgehen können. Am Rande soll nicht vergessen werden, daß es ein Pharmaunternehmen war, das diese Studie aufgesetzt hatte und das sich so verhalten hat, wie wir es erwarten dürfen.
Was lässt sich daraus lernen?
Präklinische Daten, aber auch Daten aus Kurzzeitstudien, reichen nicht, um den Nutzen einer Substanz zu belegen. Da wir aber nicht für jede Substanz 15,000 Patienten in klinische Studien aufnehmen können, müssen andere Parameter gefunden werden, die einen Nutzen oder ein Risiko mit wenigen Hundert Patienten belegen können. Solche Parameter findet aber man nur, wenn man sie vorher in großen Studien klinisch validiert hat – und daran mangelt es noch.Die Meldeverpflichtungen von Nebenwirkungen in klinische Prüfungen sind wenig geeignet, die Sicherheit der Patienten zu gewährleisten. Hier ließe sich einiges kürzen, ohne daß Gefahr entstünde. Wichtiger aber ist es, mehr als bisher unabhängige Sicherheitskomitees zu nutzen, um Gefahren rechtzeitig zu erkennen und sofort handeln zu können.Die Sicherheit von Patienten ist in Studien der Pharmaindustrie schon deshalb eher gewährleistet, weil ein viel strengeres Auge auch der Öffentlichkeit über ihnen wacht. Auch die erworbene höhere Professionalität läßt eher vertrauen aufkommen, als wenn sich jetzt akademische Studiengruppen damit profilieren, sie könnten eher unabhängige Studien durchführen.
Die Aufgaben akademischer Forschung sollten also nochmals neu durchdacht werden. Anstatt mit großen Mühen und der Bindung wertvoller Mitarbeiter große Studienorganisationen und Gruppen aufzubauen, die die wissenschaftlich weniger anspruchsvollen Studien später Entwicklungsphasen aufzubauen, ist eine Besinnung auf die eigenen Stärken notwendig. Diese sind: wissenschaftliche Exzellenz, Flexibilität, Nähe zur Grundlagenforschung, weltweiter wissenschaftlicher Austausch.
Und hieraus könnte eine auf Stärken konzentrierte klinische Forschung der akademischen Kliniken entstehen oder erweitert werden, wo es diese schon gibt: Neben der nicht arzneimittelgebundenen Forschung die Erforschung neuer Indikationen, und der frühen Phase I und II. Dies erfordert auch die Bereitschaft der Pharmafirmen, nicht erst nach der Zulassung der ersten Indikation eine Substanz für klinische Studien zur Verfügung zu stellen. Indikationen, welche die Firma (zunächst) nicht verfolgen will, könnten so in „Investigator-Sponsored Trials“ untersucht werden, kleine zusätzliche Fragen beforscht werden, während das große, für die Zulassung notwendige Programm ganz in der organisatorischen Verantwortung der Pharmafirma verbleibt. Erforderlich ist natürlich eine perfekte Einbindung der in solchen Studien gewonnenen Verträglichkeitsdaten in das Gesamtprogramm – aber dies ist keine wirklich schwere Aufgabe. Die „Rekrutierungszeit“ spielte bei solchen Studien nicht die dominante Rolle, wenn auch eine funktionierende Infrastruktur auch hier Voraussetzung ist. Auch mancher „Tunnelblick“ von Pharmafirmen – ihre Einengung auf eine oder wenige Indikationen – könnte wohl geweitet werden.